Gut 2 Jahre nach unserem letzten Interview führten wir dieses telefonische Interview mit Prof. Molderings, der uns freundlicherweise die Nutzung dieses 4. Interviews für Veröffentlichungen erlaubt.

Question: Heinz Mahnke: Sehr geehrter Herr Professor Molderings, vielen Dank, dass Sie uns heute noch einmal einige Fragen zum Thema „Mastzellerkrankungen“ beantworten möchten. Viele Fragen haben Sie uns freundlicherweise schon in den letzten Jahren beantwortet, daher bitte nicht wundern, wenn es heute um einige ganz spezielle Besonderheiten geht. Die Corona-Pandemie gerät immer mehr in den Hintergrund, scheint mittlerweile mehr oder weniger unbedeutend geworden zu sein, dennoch meine Frage: Welche finalen Erkenntnisse kann man für Mastzellerkrankte nun ziehen? Und: Durch eine Corona-Infektion und/oder Impfung haben manche MCAS-Patienten Long-Covid entwickelt. Welchen Zusammenhang sehen Sie hier?

Prof. Molderings: Mitglieder der HIT-MCAS-Selbsthilfe haben seinerzeit eine interessante Befragungsstudie zu dieser Thematik durchgeführt, deren Ergebnisse mit den Erkenntnissen anderer Selbsthilfegruppen und eigenen Erfahrungen übereinstimmen. Die wichtigste Erkenntnis ist wohl die, dass es wichtig und richtig war, dass auch mastzellerkrankte Patienten während der Pandemiephase sich gegen die Covid-19-Infektion haben impfen lassen. Eigene empirische Erfahrungen haben in diesem Zusammenhang gezeigt, dass es hilfreich zur Vermeidung von Beschwerden nach der Impfung war (und grundsätzlich für jede Impfung ist), zeitlich 1 bis 2 Stunden vor der Impfung die MCAD-Medikation einzunehmen (ggf. auch in etwas höheren Dosierungen). Meines Wissens hat sich bislang lediglich ein Pathomechanismus für die Entstehung eines Long-Covids in den Untersuchungen herausgeschält, nämlich, dass es entscheidend zur Vermeidung eines Long-Covids ist, während der Covid-19-Infektion und auch nach der Impfung jedwede Form von körperlicher Belastung zu vermeiden. Systematische Untersuchungen, ob Long-Covid bei MCAS-Patienten nach der Covid-19-Infektion oder Impfung häufiger aufgetreten ist als bei Mastzellgesunden sind mir nicht bekannt. Nichtsdestotrotz ist zumindest theoretisch davon auszugehen, dass bei MCAS-Patienten das Risiko, ein Long-Covid nach der Impfung oder nach einer Covid-19-Erkrankung zu entwickeln, größer war und ist als bei Mastzellgesunden. Denn Untersuchungen zum Pathomechanismus des Long-Covid deuten darauf hin, dass für seine Entstehung die Aktivierung von Mastzellen von Bedeutung sein könnte. Und bei mastzellerkrankten Menschen ist bekanntermaßen die Wahrscheinlichkeit, dass durch eine Aktivierung des Immunsystems, wie eine Infektion, die Mastzellen aktiviert werden, deutlich erhöht. Aber ob sich dieses theoretisch erhöhte Risiko auch tatsächlich in der Realität manifestiert hat, ist, wie gesagt, bislang nicht systematisch untersucht worden.

Question: Heinz Mahnke: Schmerzmittel sind auch immer ein Thema in den Diskussionen in unseren Selbsthilfegruppen. Welche Schmerzmittel können Sie empfehlen, bzw. was sollte man bei Schmerzmitteln beachten?

Prof. Molderings: Bei mastzellerkrankten Patienten gilt für alle Medikamente, also auch für Schmerzmittel, dass sie individuell für den jeweiligen Patienten ausgewählt werden müssen. Von daher kann ich keine generelle Empfehlung zu Schmerzmitteln aussprechen. Grundsätzlich gilt jedoch bei der Auswahl: 1) Opioide führen immer über Aktivierung des MRGPRX2-Rezeptors zu einer Aktivierung von Mastzellen und daher zur Verschlimmerung von bestehenden Symptomen oder zur Entstehung neuer Symptome. Eine gewisse Ausnahme stellt das Opioid Piritramid dar, weil es in niedrigen Dosen die Mastzellaktivität hemmt. Dadurch wird der gleichzeitigen Aktivierung der Mastzellen über den MRGPRX2-Rezeptor entgegenwirkt, so dass der schmerzhemmende Effekt des Opioids überwiegt. Bei höheren Dosen des Medikaments überwiegt dann jedoch die mastzellaktivierende Wirkung. 2) Nicht steroidale Analgetika wie ASS oder Ibuprofen aktivieren ebenfalls die Mastzellen. Das Ausmaß dieser Aktivierung ist jedoch individuell verschieden, so dass die Verträglichkeit einer Anwendung dieser Medikamente bei jedem Patienten individuell ausprobiert werden muss. 3) Die Analgetika Paracetamol und Metamizol führen nicht zu einer Mastzellaktivierung. Ob diese Schmerzmittel vertragen werden, muss immer individuell ausprobiert werden. 4) Insbesondere bei neuropathischen Schmerzen hat sich die Kaltinhalation von Cannabisblüten mit einem speziellen Inhalator bewährt. Denn der für die schmerzhemmende Wirkung entscheidende Stoff Tetrahydrocannabinol hemmt bei Anwendung die Mastzellen über die Aktivierung eines mastzellmembranständigen Cannabinoid-Rezeptors. Die für die Hemmung der neuropathischen Schmerzen notwendige Dosis an Cannabisblüten muss individuell ausprobiert werden. Sie liegt erfahrungsgemäß jedoch bei ca. 50 mg Cannabisblüten pro Inhalation. Zur weiterführenden Information empfehle ich die Übersichtsarbeit von Wirz und Molderings (A Practical Guide for Treatment of Pain in Patients with Systemic Mast Cell Activation Disease. Pain Physician. 2017;20:E849-E861). In dieser Arbeit kann auch nachgelesen werden, aus welchen Gründen die in der Schmerztherapie häufig eingesetzten Stoffe wie Pregabalin bei mastzellerkrankten Patienten nicht eingesetzt werden sollten.

Question: Heinz Mahnke: Auch Cannabis gilt ja als Schmerzmittel. Es gibt viele Sorten mit unterschiedlichen THC-Gehalten; gibt es aus Ihrer Sicht schon Erkenntnisse, welche Darreichungsform bzw. welcher THC-Gehalt von Cannabis bei der Behandlung von MCAS sinnvoll ist?

Prof. Molderings: Da in Cannabisblüten das darin enthaltene THC den analgetischen Wirkstoff darstellt, sollte für den Einsatz als Schmerzmittel die ausgewählte Cannabissorte einen hohen THC-Gehalt und einen vernachlässigbaren Cannabidiol-Gehalt aufweisen. Die optimale Darreichungsform ist bereits in der Antwort auf die vorangegangene Frage ausgeführt, nämlich die Kaltinhalation von Cannabisblüten.

Question: Heinz Mahnke: Uns erreichen über unsere Hotline häufig Fragen zum Thema Lokalanästhetikum, z. B. beim Zahnarzt, oder auch Narkose-, Abführ- und Röntgenkontrastmittel (z. B. bei Magen- und Darmspiege- lungen); können Sie zu diesen Themen eine Empfehlung aussprechen, die unsere Betroffenen dann später auch bei behandelnden Ärzten vorlegen können?

Prof. Molderings: Auch ich erhalte regelmäßig solche Anfragen. Um es auf den Punkt zu bringen: Ich kann keine allgemeinen Empfehlungen zur Anwendung von Medikamenten aussprechen. Denn aufgrund des Pathomechanismuses, der der systemischen Mastzellerkrankung zugrunde liegt, muss jede Therapie personalisiert, also individuell, ausgewählt werden. Wenn es um Fragen zur Verträglichkeit von Lokalanästhetika, Narkosemitteln, Röntgenkontrastmitteln oder Abführmitteln geht, kann ich lediglich den Rat geben, dass man zunächst das Medikament einsetzt, dass vom individuellen Patienten zu einem früheren Zeitpunkt bereits vertragen wurde. Aber auch diese frühere Verträglichkeit garantiert nicht unbedingt, dass es auch zum aktuellen Zeitpunkt wieder vertragen wird. Liegen solche Vorerfahrungen nicht vor, muss das in Frage stehende Medikament, wenn seine Anwendung unumgänglich ist, in kleiner Dosis ausgetestet werden.

Question: Heinz Mahnke: Apropos Zahnarzt: in Zahnarztpraxen wird das Thrombozytenkonzentrat „Platelet Rich Fibrin (PRF)“ zur Wundheilung verwendet, das aus Eigenblut hergestellt wird. Wie stehen Sie zu dem Thema Eigenblutbehandlungen und PRF ?

Prof. Molderings: Zum „Platelet Rich Fibrin“ besitze ich keine Informationen, so dass ich mir dazu auch keine Meinung bilden kann. Hinsichtlich der Behandlung mit Eigenblut habe ich allerdings eine sehr dezidierte Meinung aufgrund von Erfahrungen von Patienten mit dieser Behandlungsmethode. Ich halte eine Eigenblutbehandlung bei Patienten mit einer systemischen Mastzellerkrankung für absolut kontraindiziert. Es gibt letztlich nur ein Gewebe in unserem Körper, in dem Blut lokalisiert sein sollte, nämlich im Herz-Kreislauf-System. Blut außerhalb des Gefäßsystems, also in Geweben, führt immer zu einer immunologischen Reaktion, das heißt zu einer Aktivierung des Immunsystems und damit auch der Mastzellen. Die Folge ist eine Verschlimmerung der Mastzellmediatorfreisetzungssymptomatik. Diese Erfahrung hat vermutlich bereits jeder Mastzellerkrankte gemacht, dann nämlich, wenn er sich ein größeres Hämatom (Bluterguss) zugezogen hatte.

Question: Heinz Mahnke: Welche Forschungen gibt es eigentlich mit Hinblick auf Mikrobiologie/Stoffwechselerkrankungen bei MCAS? Werden die Mastzellen von Botenstoffen getriggert, für deren Verstoffwechselung Enzymdefizite oder –blockaden vorliegen?

Prof. Molderings: Mir sind keine Forschungen bekannt, in denen die Wechselwirkung zwischen Stoffwechselerkrankungen und MCAS untersucht worden sind. Es gibt einige Grundlagenuntersuchungen zu Stoffwechselstörungen, die durch die pathologische Mastzellüberaktivität bei MCAS verursacht werden. Die Mastzellen können theoretisch von Botenstoffen getriggert werden, für die Enzymdefizite in der Verstoffwechselung oder Enzymblockaden bestehen. Allerdings ist diese Fragestellung meines Wissens nach bislang noch nicht systematisch untersucht worden.

Question: Heinz Mahnke: Lässt sich eigentlich ein „Histamin-Abbau“ durch eine Stärkung der Leber verbessern? Falls ja, welche Präparate sind zu empfehlen?

Prof. Molderings: Ich nehme an, die Frage zielt darauf ab, dass Histamin in der Leber durch die Histamin-N-methyltransferase abgebaut werden kann. Mit „Stärkung der Leber“ ist wohl eine Erhöhung der Verstoffwechselungsleistung der Leber gemeint. Durch bestimmte Medikamente können in der Tat die Aktivitäten bestimmter Enzyme in der Leber gesteigert werden. Dies wird aber nur bei ausgewählten Erkrankungen therapeutisch ausgenutzt, weil die dazu notwendigen Medikamente hinsichtlich des Nutzen-Risikoprofils nicht unproblematisch sind. Den Histaminabbau in der Leber wird man durch diese Maßnahme nicht beschleunigen können. Daher kann ich natürlich auch keine Medikamente dazu empfehlen.

Question: Heinz Mahnke: Ist es eigentlich möglich, dass bei einer Mastzellerkrankung die Darmschleimhäute in Mitleidenschaft gezogen werden? Hat ein sogenanntes „Leaky-Gut-Syndrom“ Einfluss bei Mastzellerkrankungen?

Prof. Molderings: Es ist nicht nur möglich, dass bei einer systemischen Mastzellerkrankung die Darmschleimhaut geschädigt wird, sondern dies ist ein häufiger ursächlicher Mechanismus, der für verschiedene Darmbeschwerden verantwortlich ist. So ist das „Leaky-Gut-Syndrom“ bei einer systemischen Mastzellerkrankung die Folge der Freisetzung von bestimmten Mediatoren, die den „Kitt“ zwischen den Darmschleimhautzellen auflösen und auf diese Weise die Darmschleimhaut löchrig machen. Durch diese „Löcher“ können wiederum Antigene aus dem Darmlumen in den Körper bis hin ins Blut gelangen und dadurch das Immunsystem und damit immer auch die Mastzellen aktivieren. Dies stellt damit eine Art positiver Rückkopplungsmechanismus dar.

Question: Heinz Mahnke: Bleiben wir beim Thema Darm: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Darm-Mikrobiom und MCAS? Und: Ist eine Stuhltransplantation bei einer starken Dysbiose eine Option?

Prof. Molderings: Erste Untersuchungen legen eine Wechselwirkung zwischen dem Darm-Mikrobiom und der systemischen Mastzellerkrankung nahe. Wie für die systemische Mastzellerkrankung zu erwarten, ist diese Wechselwirkung vielschichtig und nicht einfach zu verstehen. Daher verzichte ich darauf, an dieser Stelle Einzelheiten zu erläutern. Es gibt Formen der Wechselwirkung, die zu einer Besserung der systemischen Mastzellerkrankung beitragen, ebenso wie solche, die zu deren Verschlimmerung führen können. Welchen Stellenwert eine Dysbiose im Darm für die systemische Mastzellerkrankung besitzt, ist bislang noch unklar. Es steht außer Zweifel, dass eine ausgeprägte Dysbiose des Darms durch eine Stuhltransplantation gebessert werden kann. Dies konnte auch in individuellen Heilversuchen bei Patienten mit einer systemischen Mastzellerkrankung nachgewiesen werden, und die Korrektur der Dysbiose hatte vorübergehend zu einer Besserung der Mastzellsymptomatik geführt. Allerdings haben die inzwischen umfangreichen generellen Erfahrungen mit einer Stuhltransplantation zu der Erkenntnis geführt, dass die Beseitigung der Dysbiose nur vorübergehender Natur ist. Denn nach längerer Zeit findet sich bei dem behandelten Patienten regelmäßig wieder das ursprüngliche Mikrobiom, das für das jeweilige Individuum typisch ist. Dabei kann jedoch eine Dysbiose im Sinne einer krankhaften Störung dieses individuellen Mikrobioms durch die Stuhltransplantation nach Wiederauftreten des individuellen Mikrobioms beseitigt worden sein. Die Funktion unseres Mikrobioms im Darm ist derzeit Gegenstand intensiver Forschungen. Es scheint sich herauszuschälen, dass das jeweilige individuelle Mikrobiom ein Bestandteil des jeweiligen Körpers ist und in vielfältiger Weise mit den Funktionen des Körpers bis hin zur Funktion des Gehirns verbunden ist.

Question: Heinz Mahnke: Kann eine Salicylat-Intoleranz oder eine nicht erkannte Intoleranz zu MCAS führen? Falls ja, gibt es schon neue Erkenntnisse, ob dann salicylathaltige Mastzellstabilisatoren, wie z. B. Quercetin oder Curcumin, die Situation verschlimmern, oder welche Medikamente dann besser helfen?

Prof. Molderings: Die Frage zur Salicyatintoleranz und dem MCAS ist so nicht richtig gestellt. Das MCAS ist eine der Varianten der Systemischen Mastellaktivierungserkrankung (MCAD) und damit genetisch verursacht. Lediglich der Manifestationszeitpunkt als Erkrankung dieser MCAD wird durch äußere Einflüsse wie Infekte oder andere Aktivierungen des Immunsystems mitbestimmt. Eine solche Aktivierung des Immunsystems kann durch eine Salicylatintoleranz induziert werden. Allerdings kann eine nicht erkannte Salicylatintoleranz nicht zu den genetischen Veränderungen führen, die eine MCAD verursachen. Zumindest gibt es für Letzteres meines Wissens nicht einen einzigen Hinweis, und dies ist nach meiner Kenntnis der genetischen Pathogenese auch theoretisch nicht zu erwarten. Somit erübrigt sich eine Beantwortung des zweiten Teils der Frage.

Question: Heinz Mahnke: Relativ selten, aber vorkommend, berichten uns Betroffene immer häufiger über gleichzeitige Mehrfacherkrankungen, z. B. Trias „MCAS“, „Ehlers-Danlos-Syndrom“ und „POTS“. Wie erklären Sie sich eine solche Komorbidität?

Prof. Molderings: Diese Trias ist nicht selten. Nach einer aktuellen Arbeit (Yao et al. Front Neurol. 2025, 16:1513199) findet sich eine solche Trias bei 34 % der an POTS Erkrankten. Die hypothetische Erklärung für diese Trias ist wie die für andere Komorbiditäten der MCAD ausgesprochen komplex und kompliziert. Vereinfacht könnte man sagen, dass der MCAD und deren Komorbiditäten eine gemeinsame übergeordnete Störung des Epigenoms zugrunde liegt. Abhängig von den durch diese Störung des Epigenoms verursachten genetischen Störungen kommt es entweder zur Entwicklung einer dieser Erkrankungen alleine oder zur gleichzeitigen Entwicklung mehrerer dieser Erkrankungen, deren Kombination dann als Komorbiditäten bezeichnet werden.

Question: Heinz Mahnke: Eine vielleicht seltsame Frage: dürfen Mastzellerkrankte eigentlich Organe oder Blut spenden?

Prof. Molderings: Die Frage ist durchaus nicht seltsam. Sie wird vielfach von mastzellerkrankten Patienten gestellt. Die Organisationen, die für die Gewinnung von Organ- und Blutspendern verantwortlich sind, sehen meines Wissens in der Mastzellerkrankung kein Hindernis für eine Spende. Ich persönlich sehe dies aufgrund der Stellung der Mastzellen im Immunsystem anders. Man sollte sich vor Augen halten, dass ausgereifte Mastzellen in allen Organen, also auch in denen, die für eine Organspende in Betracht kämen, vorkommen. Bei Patienten mit einer MCAD ist die Anzahl der Mastzellen in den Organen und Geweben erhöht. Daraus resultiert meiner Ansicht nach ein erhöhtes Risiko für eine so genannte Graft-ver- sus-Host-Reaktion, die in einer Abstoßung des Spenderorgans durch den Empfänger endet. Ähnliche Probleme würde ich auch bei einer Bluttransfusion von Blut von Mastzellerkrankten erwarten. Denn im Blut dieser Patienten zirkulieren zum einen Mastzellvorläuferzellen (also noch nicht ausgereifte, aber durchaus aktive und aktivierbare Mastzellen) sowie auch, wie Untersuchungen gezeigt haben, eine geringe Zahl an ausgereiften Mastzellen, ohne dass der Patient an einer Mastzellleukämie leiden würde. Bei einer Transfusion von Spenderblut von Mastzellerkrankten würden diese Mastzellen im Blut auf die Mastzellen und andere Zellen des Immunsystems des Empfängers treffen. Die Zellen würden sich gegenseitig als fremd ansehen und entsprechende Abwehrreaktionen einleiten. Einem schwer kranken Patienten, dem dieses Blut transfundiert würde (schwer krank, da er ansonsten keine Bluttransfusion bräuchte), dürften diese Reaktionen für seine Genesung nicht förderlich sein.

Question: Heinz Mahnke: In unseren Selbsthilfegruppen werden häufig Erfahrungen mit Nahrungsergänzungsmitteln diskutiert. Welche Nahrungsergänzungsmittel halten Sie für sinnvoll?

Prof. Molderings: Kurze Antwort: keine, zumindest dann nicht, wenn im Körper keine Mangelsituation vorliegt. Eine solche Mangelsituation besteht bei mastzellerkrankten Patienten nur in seltenen Fällen. Wenn MCAD-Patienten nach Ausprobieren von bestimmten Nahrungsergänzungsmitteln empirisch den Eindruck haben, dass diese Mittel ihren Erkrankungszustand bessern, steht aus meiner Sicht einer Einnahme aber auch nichts entgegen.

Question: Heinz Mahnke: Ein häufiges Thema ist auch die Psyche; welchen Zusammenhang gibt es zwischen MCAS und psychischen Erkrankungen?

Prof. Molderings: Die MCAD kann letztlich jede psychiatrische Störung ebenso wie jede Form psychischer Störungen hervorrufen. Denn zum einen sind auch im Gehirn Mastzellen lokalisiert, die autonom oder durch Trigger aktiviert, Botenstoffe freisetzen können. Je nach Art der freigesetzten Botenstoffe können dann Störungen des Gehirns daraus resultieren, entweder in Form von psychiatrischen Symptomen oder von psychischen Störungen. Zum anderen wird durch die im Gehirn freigesetzten Mastzellmediatoren die Schutzfunktion der Bluthirnschranke teilweise oder vollständig aufgehoben, so dass auch in der Peripherie freigesetzte Mediatoren in das Gehirn übertreten und dort entsprechende Funktionsstörungen auslösen können. Die häufigste zentralnervöse Störung durch die MCAD ist die depressive Verstimmung, deren Häufigkeit in Studien mit ca. 60 % angegeben wird. Die Dauer und die Intensität einer solchen depressiven Verstimmung hängt von der Intensität der MCAD und den individuell freigesetzten Mediatoren ab. Treten solche psychiatrischen und psychischen Symptomatiken bei MCAD-Patienten auf, sollte in erster Linie versucht werden, die medikamentöse Therapie der MCAD zu optimieren und der zu dem Zeitpunkt des Auftretens der Gehirnsymptomatik aktuellen Intensität der MCAD anzupassen. Denn empirisch hat sich gezeigt, dass Medikamente, die spezifisch gegen psychiatrische Erkrankungen mit vergleichbarer Symptomatik eingesetzt werden, gegen die mastzellmediatorinduzierte psychiatrische Symptomatik wirkungslos sind und je nach eingesetztem Psychopharmakon die MCAD sogar verschlimmern und damit die zentralennervöse Symptomatik weiter verschlechtern können.

Question: Heinz Mahnke: Einige unserer Betroffenen äußern hier und da ihre Vermutung, dass sich scheinbar einige Mastozytosezentren von MCAS abgrenzen. Hat das eventuell mit der fehlenden Anerkennung von MCAS zu tun?

Prof. Molderings: Dieser Eindruck von Betroffenen deckt sich mit meinen Erfahrungen. Die Ursachen hierfür sind vermutlich vielfältiger Natur. Ich möchte an dieser Stelle aber darüber nicht spekulieren.

Question: Heinz Mahnke: Wie kann man eigentlich Betroffene behandeln, deren Mastzellerkrankung sich nicht ausreichend durch die bekannten Medikamente bessert? Und können Sie uns vielleicht Ihnen bekannte Kliniken nennen, die Patienten „im Schub“ aufnehmen und behandeln? Und wie werden diese dann behandelt?

Prof. Molderings: Ich möchte bei meiner Antwort mit dem zweiten Teil der Frage beginnen. Mir ist keine Klinik bekannt, weder in Deutschland noch im Ausland, die in der Diagnostik und Therapie der MCAD den Empfehlungen der Experten der internationalen Konsensus-2-Gruppe, für die ich stehe, vollumfänglich folgen würde. Daher kann ich keine Empfehlung für eine Klinik aussprechen. Der erste Teil der Frage wäre einfach zu beantworten, wenn die medizinische Versorgungsrealität in Deutschland und den anderen europäischen Staaten eine andere wäre als sie tatsächlich ist. Mit dem Arsenal an Medikamenten, die uns heute für die Behandlung der MCAD zur Verfügung stehen, sollte jede MCAD ausreichend gebessert werden können. In der Realität stehen dem jedoch unterschiedliche, nicht-medizinische Widerstände entgegen, die ich an dieser Stelle hier nicht weiter vertiefen möchte. Der Austausch von Erfahrungen zu Kliniken und Ärzten hinsichtlich der Behandlung der MCAD zwischen den Betroffenen ist in diesem Punkt meiner Ansicht nach bis auf Weiteres von essentieller Bedeutung.

Question: Heinz Mahnke: Gibt es eigentlich Gewöhnungseffekte an Antihistaminika oder Ketotifen?

Prof. Molderings: Es gibt keine Gewöhnungseffekte an Antihistaminika und Ketotifen. Sollten MCAD-Patienten den Eindruck haben, dass diese Medikamente nach einiger Zeit nicht mehr die Symptomatik in ausreichender Weise wie zuvor bessern, ist dies nicht Folge eines Gewöhnungseffektes, sondern könnte zum einen dem Umstand geschuldet sein, dass sich die Intensität der MCAD des betroffenen Patienten verschlimmert hat. In einem solchen Fall wären die Dosen der Medikamente zu erhöhen und/oder weitere Medikamente zur Hemmung der Mastellaktivität dem Therapieschema hinzuzufügen. Zum anderen sollte auch daran gedacht werden, dass der betroffene Patient im Laufe der Behandlung mit diesen Pharmaka gegenüber einem oder mehreren der Hilfsstoffe in diesen Medikamenten unverträglich geworden sein könnte. In dem Fall müsste dann der behandelnde Arzt versuchen, den möglicherweise unverträglichen Hilfsstoff zu identifizieren und entsprechende Änderungen der verordneten Präparate vornehmen bzw. die Medikamente als Reinstoffe verordnen.

Question: Heinz Mahnke: Welche Medikamente sind geeignet bei MCAS-bedingten Herzbeschwerden, z. B. Herzrhythmusstörungen, erhöhter Puls oder Bluthochdruck?

Prof. Molderings: Ich bitte um Verständnis dafür, dass ich medikamentöse Therapieempfehlungen aus rechtlichen Gründen ausschließlich mit behandelnden Ärzten diskutiere. Eine Aufzählung von Therapieoptionen an dieser Stelle wäre zudem für medizinische Laien ohne Nutzen.

Question: Heinz Mahnke: Noch eine abschließende Frage: Viele weibliche Betroffene erleben eine Verschlechterung ihrer Mastzellerkrankung durch die Wechseljahre, insbesondere in der Phase der Östrogendominanz. Kann es danach wieder besser werden?

Prof. Molderings: Diese Frage kann weder allgemein noch individuell definitiv beantwortet werden. Denn der Verlauf der MCAD lässt sich aufgrund der Komplexität der Erkrankung weder im Allgemeinen noch für einen individuellen Patienten voraussagen. Da eine Voraussage für den Verlauf einer MCAD stets eine negative und eine positive Seite hat, möchte ich am Ende dieses Interviews die positive Seite zum Ausdruck bringen: ja, es ist möglich, dass nach den Wechseljahren sich eine Verschlimmerung, die sich durch die Östrogendominanz eingestellt hatte, wieder abnimmt.

Question: Heinz Mahnke: Sehr geehrter Herr Professor, herzlichen Dank, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben. Wir sind uns sicher, dass diese neue Broschüre und Ihr vor 2 Jahren veröffentlichter Ratgeber „Die systemische Mastzellerkrankung“ wesentlich dazu beitragen, die Mastzellerkrankungen besser zu verstehen, wenn sicherlich auch noch viel Forschung auf diesem Gebiet notwendig ist. Bleiben Sie gesund, nochmals herzlichen Dank.

Prof. Molderings: Der Austausch mit MCAD-Betroffenen ist mir sehr wichtig, auch wenn mir meine anderen Verpflichtungen dazu immer weniger Zeit lassen. Denn es ergeben sich daraus für mich immer wieder neue Aspekte der Erkrankung. Daher habe ich Ihnen gerne Rede und Antwort gestanden. Ich danke Ihnen für Ihre guten Wünsche, die ich an alle von der MCAD Betroffene gerne zurückgebe.